DIE "NICHT-DON-CAMILLOS"

Hinweis: Alle nachfolgenden Bücher sind nicht mehr über den normalen Buchhandel zu beziehen. Es dürfte jedoch keine Schwierigkeit sein, sie antiquarisch ausfindig zu machen. Eine Ausnahme bildet "Nicht Umzubringen- Das Geheime Kriegstagebuch" und die nur in Italien erschienene "Favola Natale". Bitte schickt mir keine Emails mit Anfragen, woher man die Bücher bekommen kann. (Es gibt sie in genügend großer Zahl antiquarisch, wie gesagt.) Bitte fragt mich auch nicht, ob ich meine Exemplare verleihe oder daraus Kopien anfertige.

Die "Familiengeschichten"

Giovannino Guareschi wurde dem europäischen Publikum als "Vater von Don Camillo" Anfang der 50er Jahre bekannt. Besonders in Deutschland erlangten die Geschichten um den streitbaren Landpfarrer große Bekanntheit, was natürlich auch den Filmen mit Fernandel und Gino Cervi zu verdanken ist. Aber es wäre falsch, in Giovannino Guareschi nur den Verfasser der Don-Camillo-Geschichten zu sehen. In seiner Zeitschrift "Candido" schrieb er mit spitzer Feder gegen politische Zustände, die ihm nicht passten. Von sich selbst sagte Guareschi: "Ich bin ja kein Dichter, höchstens ein Journalist und vor allem ein Politiker, der sich für das Wohl der kleinen Leute einsetzen möchte, wie ich sie aus meinem Leben mit den Bauern kenne. So ist auch der 'Don Camillo' entstanden, den ich schon vor Jahren schreiben wollte."

 

Das Leben der Bauern und das Leben in der Bassa prägten Guareschi tief. So schrieb er die Bücher "Lo Zibaldino" und "La scoperta di Milano", die in Deutschland zusammengefasst unter dem Titel "Enthüllungen eines Familienvaters" erschienen.

Manchmal mehr und manchmal weniger an seine eigene Familiensituation angelegt lässt Guareschi seinen Ich-Erzähler in einem kleinen Dörfchen in der Tiefebene aufwachsen. Dort lernt er Magherita, die Liebe seines Lebens, kennen. Im Verlauf der Jahre zieht das Paar nach Mailand, erlebt den Krieg, die Niederlage und den neuen Frieden, wird manchmal von Geistern heimgesucht, manchmal von Verwandten - kurz: ein ganz normales Leben in Norditalien.

Doch dann gibt es da noch Carlotta, die "Passionaria", die mit ihrer Besserwisserei die Eltern oft zur Weißglut bringt. Und zum Schluss Albertino, der auch nicht gerade einfach ist. Beide gehen zur Schule, zweifeln am Pappi und richten oft genug Chaos an. Die Passionaria geht sogar so weit, ihren Vater zu verleugnen, was diesen in ganz schöne Verlegenheit bringt. Wie beweist man, dass ein Kind sein eigenes ist?

Politik spielt in diesem Buch nur eine Nebenrolle. Die Geschichten sind einfach und klar erzählt, typisch Guareschi eben. Manchmal merkt man allerdings schon, dass der Autor unter Zeitdruck stand und er schnell eine Geschichte für den Candido herbei zaubern musste.

(Stellenweise erinnern mich einige Geschichten, in denen es eher um die Widrigkeiten mit Behörden und Verwaltungsentscheidungen geht, an die Satiren von Ephraim Kishon, insbesondere die, in der Guareschis Vermögen und Besitz geschätzt werden soll.)

Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist die mit dem kleinen Kind, das sich auf Guareschis Schreibmaschine bequem macht, während seine Mutter nach ihm sucht. Natürlich stellen sich beide als Geister heraus.

 

 

Eine Art Fortsetzung erfuhren die Familiengeschichten in dem Buch "Corrierino delle Famiglie", in Deutschland unter dem Titel "Bleib in deinem D-Zug" veröffentlicht.

Guareschi nimmt die Personen seiner "Enthüllungen eines Familienvaters" wieder auf. Charakterlich erfährt jetzt Margherita eine Änderung. War sie im ersten Buch noch ein bewundernswertes weibliches Geschöpf, dessen dunkle Augen stets "Giovannino, Giovannino!" sagten, so ist sie jetzt eine Frau mit etlichen Macken und entwickelt durchaus einen Hang zur Theatralik.

Auch Giovannino Guareschis wirkliches Leben spielt hier stärker eine Rolle. Wir erfahren von seiner Magenkrankheit und den "Leiden der Mailänder Jahre". Die Politik kann, im Gegensatz zum ersten Buch,  nicht komplett ausgeblendet werden. Ein Besuch mitten in der roten Bassa führt zu einer Begegnung mit "Peppones Leuten", die sich jedoch eher für den Wagen des Ich-Erzählers als für seine Person interessieren.

Das deutsche Vorwort stellt natürlich einen Bezug zu Don Camillo her und erklärt dem Leser, dass Guareschi eine Haftstrafe abzusitzen hatte und wie er sie für seine Zwecke instrumentalisierte.

Insgesamt wirkt das Buch mehr aus einem Guß. Frei von den Beschränkungen der Zeit und des Platzes seines "Candido" schreibt Guareschi hier stilsicherer und flüssiger. 

Hier ist meine persönliche Lieblingsgeschichte die namensgebende Episode "Bleib in deinem D-Zug", was auch heute noch jedem Liebhaber einen Wink geben sollte... aber mehr verrate ich nicht!

 

Postum erschienen in Deutschland weitere Geschichten aus dem Familienleben der Guareschis. Der "häusliche Zirkus" geht in die Moderne. Die "Passionaria" hat schon geheiratet und jetzt ist Albertino dran. (Bei dessen Hochzeit Fernandel und Gino Cervi einen Gastauftritt haben, nicht etwa als Don Camillo und Peppone, sondern als echte Personen!)

Als eifrige Hilfe im Haushalt fungiert ein junges Ding namens Gio, eine Haushälterin mit eigenen Gedanken. Sie hat ähnliche Allüren wie Don Camillos Nichte Cat in "Don Camillo und die Rothaarige", wenngleich Gio viel sanftmütiger und weitaus weniger durchtrieben ist. Aber sie mag moderne Geräte, Miniröcke und Beatmusik. Das allein ist für den Ich-Erzähler Grund genug, sich in seinen "Taubenschlag" zurück zu ziehen, ein kleines Zimmer in seinem Haus in Roncole.

Doch aus dem armen Bauersohn der Bassa ist jetzt ein erfolgreicher und wohlhabender Mann geworden. Man unternimmt Ausflüge, schafft Haushaltsmaschinen an und sieht sogar fern! Natürlich ist das Guareschi allemal einen Kommentar wert.

Diese letzten Geschichten  sind ruhig, beinahe resignierend, wenn manchmal auch der typische Guareschi durchkommt. Er verteidigt die "alten Werte", aber genau wie in "Don Camillo und die Rothaarige" erscheinen diese Verteidigungen genauso grundlos wie die Rebellion der Jugend dagegen, da doch alles seinen Platz und seine Richtigkeit hat - zumindest in der Welt des Autors.

Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist hier diejenige, in der der Ich-Erzähler am Abend partout zu Fuß durch die Bassa gehen will, um den Erinnerungen an die Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Aber Polizei und die eigene Frau haben so gar kein Verständnis für nostalgische Motive.

 

 

Andere Geschichten:

 

Das Buch "Der verliebte Mähdrescher" ("Il decimo clandestino" und "Noi del Boscaccio") ist eine Sammlungen von Geschichten aus der Bassa ohne Don Camillo und Peppone und weitgehend ohne Politik.

Der Stil ist typisch Guareschi. Es treten die Personen im Vordergrund auf, die bei den Don-Camillo-Geschichten normalerweise den Hintergrund bilden: die starrköpfigen Bewohner der Bassa mit ihren eigenen Ideen und Ansichten.

Nur einmal wird es durchaus politisch, als "die Roten", man kann nicht anders als an Peppone denken, ein eigenes Krippenspiel veranstalten und dabei ihre Propaganda in subtiler Form unters Volk bringen wollen. ("Genosse Jesus findet kein Mitleid bei den Kapitalisten") Doch natürlich scheitert die Beeinflussung an der Aufrichtigkeit der Landbevölkerung.

Insgesamt ist das Buch von eher gemischter Qualität. Man vermisst den Don Camillo doch sehr und wünscht ihn sich in mehr als einer Geschichte herbei. (Ja, ich weiß, er tritt in einer Geschichte auf. Aber dort nur dem Namen nach und es könnte jeder Priester gemeint sein...)

 

 

 

 

 

In "Carlotta und die Liebe oder Die Schule des Gatten"  (Il marito in collegio) geht es um eine junge Dame namens Carlotta, die von ihrer Familie den Auftrag erhält, binnen zwei Tagen einen Mann zu finden. 

Weitere Angaben erfolgen, sobald ich den Roman noch einmal gelesen habe. Es ist einige Zeit her...

 

 

 

 

 

 

 

 

"La Favola Natale" ist die phantastische und traurige Geschichte von Weihnachten 1944. Ein Kind in Italien ("Das Land des Friedens") sehnt sich nach seinem Vater. Dieser ist im Lager des "Königs des Krieges" (Hitler) und sehnt sich ebenfalls nach seiner Familie. Doch dann geschieht ein Wunder: die Familie kann trotz aller Widrigkeiten Weihnachten zusammen feiern.

Das "Weihnachtsmärchen" richtet sich nicht an Kinder, sondern an Erwachsene, obwohl es im Gewand eines typischen Märchens daherkommt. Genial sind Guareschis wunderbare Zeichnungen.

Leider ist dieses wunderschöne Buch nicht in Deutschland erschienen.

Man sollte sich übrigens hüten, die Geschichte pauschal als deutschfeindlich abzutun. 1944 war die Welt nicht gerade gut auf Deutschland zu sprechen, aber auch Italien war keineswegs das "Land des Friedens", als das es in der Geschichte erscheint.

Aber es spricht aus Guareschis Geschichte eher die Sehnsucht nach einer heilen kleinen Welt für den kleinen, bodenständigen Mann  im Kreis der Familie und in Gottes Wohlwollen.

(Persönlicher Hinweis: Dieses prächtige Meisterwerk war für mich der Anlass, Italienisch zu lernen. Molto Grazie, Signor Guareschi!)

 

Das "Geheime Tagebuch aus dem Konzentrationslager" deutscher Titel "Nicht umzubringen" wurde in Deutschland nur in geringer Auflage vertrieben. Ich hatte Glück, eines dieser Exemplare zu bekommen.

Guareschi schreibt im Vorwort, er habe zunächst ein wirkliches, echtes Tagebuch schreiben wollen, so, wie man sich ein Tagebuch vorstellt. Das Manuskript habe er aber ins Feuer geworfen, wo es auch hingehöre.

Wir erleben stattdessen eine literarische Auseinandersetzung mit dem Alltag in einem Kriegsgefangenenlager. Das Elend und die Entbehrungen dieser Zeit werden von Guareschi mit dem typischen Humor eines Mannes aus der Bassa geschildert. Bezeichnend dafür ist sein Motto: "Ich werde nicht sterben, auch wenn sie mich umbringen sollten!"

Meine bescheidene Meinung ist, dass "Nicht umzubringen" ein literarisches Juwel ist. Keinesfalls verdient das Buch die Vergessenheit, in die es leider geraten ist. Manche Situationen schildert Guareschi geradezu kafkaesk, aber immer mit emilianischem Humor. (Z.B. seine Gefangennahme. Da wollen die italienischen Soldaten essen, aber leider kommen auch deutsche Soldaten in die Mensa. Allerdings durch die Wand, inklusive eines deutschen Panzers. Also muss das Essen woanders eingenommen werden...)

Ein wahres Kuriosum ist "Das Schicksal heißt Clothilde". Guareschi schrieb diesen Roman sehr früh. Er erschien im Jahr 1942 in Italien und hat nichts mit Don Camillo, der Bassa oder der Politik zu tun.

Clothilde Troll ist eine reiche und exzentrische Frau. Sie lässt drei Männer auf eine einsame Insel verschiffen, weil sie diese angeblich nicht ausstehen kann. Dabei ist ihr Geliebter darunter. Mit Hilfe von Schmugglern jedoch fliehen die drei von der Insel und erleben allerlei Irrungen und Wirrungen, bis das Paar schließlich glücklich vereint ist.

Eine Liebesgeschichte also, die aber skuril angelegt ist. Die Charaktere mit ihrer Dickköpfigkeit, die überraschenden Wendungen und die Bestimmtheit, mit der alles vor sich geht, lassen aber schon den späteren Erfolgsautoren erkennen.

Dieser Roman ist das einzige mir bekannte Werk Guareschis, das in der "großen Welt" und nicht in Norditalien spielt. (Sehen wir von der Weihnachtsgeschichte ab, die im "Land des Krieges" spielt.) Wir werden nicht nur auf die besagte einsame Insel entführt, sondern auch nach Argentinien und New York. In dem eingeschobenen Argentinien-Abenteuer spricht ein Ich-Erzähler, der ein Vagabund und Halsabschneider ist. Eine weitere Kuriosität! Außerdem spielt das Buch nicht in der Zeit, in der es geschrieben wurde, sondern im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Insgesamt bin ich mir nicht sicher, ob ich dieses Buch mag und wieviel Schrullen und Kniffe ich dem Autor verzeihen soll, denn mehr als eimal geht Guareschis Fabulierkunst mit ihm durch.